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Babelsberger Psychotherapiegespräche

11.02.2012

Babelsberger Psychotherapiegespräche
Ekkehard Schröder erzählt von Georges Devereux

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Kennen wir Devereux?
Ich lernte ihn kennen, genauer:
Erfuhr seinen Namen von Ekkehard Schröder und einigen jungen AutorInnen, die in Curare veröffentlichten. Devereux hier, Devereux da - so hörte ich sie reden an einem gemütlichen
Novemberabend, an dem wir uns im Gedenken an den 20   Jahrestag des Mauerfalles trafen, austauschten und mit köstlichen Delikatessen verwöhnen ließen, die Ekkehard Schröder uns aussuchte, zubereitete und servierte.Umso gespannter war ich auf diesen Samstag,der versprach, mehr von Devereux zu erfahren.


Oh, fast wie Freud verließ er seine Heimat  - Banat -
verkündete offensichtlich viel leidenschaftlicher als jener, nie zurück zu wollen, und kehrte nicht zurück. Mehrere administrativ erzwungene Nationalitätswechsel scheinen da eine Rolle gespielt zu haben. Sein heftiger Widerstand gegen ein Heimatgefühl (für den Ort, von dem er kam) und seine Suche
nach Zugehörigkeit (die er sich besonders als Mohave definierte), seine verschiedenen Staatszugehörigkeiten, selbst seine letztliche wissenschaftliche Leidenschaft, die Varianz der
Psychodynamik bei verschiedenen Völkern, das alles lässt mehr Ursprung vermuten. Devereux hatte auch in anderen Dingen eine hohe Varianz, in seinem wissenschaftlichen Interesse beispielsweise als Ethnologe und Psychoanalytiker und im Alterswerk als Gräzist. Erstaunlich, dass er bei all dieser
Rastlosigkeit (kann man das von Heimatsuchenden sagen: sie
rasten nicht?) eine Vielzahl an Schriften hinterlassen hat. Woher nahm er nur die Zeit? Den vielen Varianzen in seinem Leben entspricht vielleicht auch eine seiner wesentlichen Ideen, das
Komplementaritätsmodell, demzufolge, so würde ich es formulieren, Kontexte, die in unterschiedlichen  disziplinären Blickwinkeln erklärt werden können, besser verständlich sind,
wenn man keinen dieser Aspekte ignoriert. Diese Vorstellung galt ihm vornehmlich in der Sicht auf die Psyche im Vergleich zwischen den Völkern. Mit dieser Idee (u.a.) begründete er die Ethnospsychoanalyse. In ihr enthalten ist etwas sehr Aktuelles, nämlich, dass wir uns nur dann erkennen können, wenn wir das Fremde in uns berücksichtigen - und dies vor allem in der realen Begegnung mit dem ängstigenden Fremden. Das ähnelt sehr dem Schatten bei Jung, dem Verdrängten und sogar Abgespaltenen, dem deshalb Unbewussten. Man kann es Devereux danken und in Babelsberg heute Ekkehard Schröder, daran erinnert worden zu sein. Denn uns mit unserem manifesten Wesen ganz selbstverständlich zu definieren, von unseren anderen Seiten in uns zwar zu wissen, doch sie nicht ernst zu nehmen, sie zu ignorieren und sie für gänzlich ausgeschlossen zu halten, das widerfährt uns eben, solange wir in unseren gewohnten - auch therapeutischen - Mustern mit unseren eingeschliffenen Worten und Sätzen denken.
Gut, dass wir dies dann von jemand erfahren, den wir wenig kennen und nun ein wenig mehr kennen gelernt haben, auch seine Worte und Sätze ein wenig, so dass sie uns helfen, unser
Selbstbild zu relativieren und in seiner Unvollständigkeit zu respektieren. Der Hinweis auf das andere um uns und in uns, der vielleicht verunsichert, sollte der Anfang der "Vervollständigung" sein, Korrekturen ermöglichen - das ist die Botschaft Devereuxs in seinem
Buch "Angst und Methode".

 

JT